SD-REG 14 Augenspital, 1918-1999 (Fonds)

Archivplan-Kontext

 

Identifikation:

Signatur:SD-REG 14
Titel:Augenspital
Entstehungszeitraum:1918 - 1999
Verzeichnungsstufe:Fonds
 

Kontext:

Verwaltungsgeschichte/Biografische Angaben:Der Beginn der Augenheilkunde in Basel

Das Augenspital wurde 1864 als "Heilanstalt für arme Augenkranke in Basel" auf die Initiative des Appenzeller Arztes Dr. Heinrich Schiess-Gemuseus (1833-1914) gegründet. Der erste Standort mit anfänglich 6 Betten befand sich an der Missionsstrasse 45, als Pflegerin wirkte eine Diakonisse. Der im appenzellischen Heiden aufgewachsene Schiess hatte in Basel und Würzburg studiert und in München und Wien Vertiefungsstudien betrieben. Im Freihof in Heiden assistierte er 1860 Albrecht von Graefe aus Berlin, der ihn für die Ophthalmologie (Augenheilkunde) gewann. Graefe reformierte zusammen mit anderen die Augenheilkunde durch klinisch-operative und wissenschaftliche Leistungen und etablierte sie als selbständiges Fach. Seit 1859 mit einer wohlhabenden Baslerin verheiratet, eröffnete er in Basel 1861 eine augenärztliche Praxis. Zwei Jahre später nahm die Medizinische Fakultät seine Habilitation für Augenheilkunde an. Schiess übte von 1864 bis 1896 die Funktion des Chefarztes des Augenspitals aus.
In der Schweiz existierte damals erst die Augenklinik in Zürich, welche 1862 von Friedrich Horner gegründet worden war; Bern folgte 1908 und Genf 1921.

Die Gründung des Augenspitals

Die Gründung des Augenspitals war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Ein privates "Comité" sammelte 1872 die stolze Summe von 100'000 Franken, daraufhin sprach das Parlament 15'000 Franken und einen Jahreskredit von 2'000 Franken. Das Pflegamt des Bürgerspitals gewährte einen Beitrag von 20'000 Franken an die Baukosten und einen jährlichen Beitrag von 3'000 Franken. Damit war der Neubau der Augenklinik gesichert und ihr Charakter als Universitätsinstitut anerkannt. 1875 wurde eine Übereinkunft zwischen der Kuratel und dem Comité genehmigt. Darin verpflichtete sich das Comité, der Universität Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, der Chefarzt hatte die Aufgabe, den Unterricht der Augenheilkunde an der Universität zu erteilen. Neben dem vom Staat gewährten Beitrag leistete auch die Freiwillige Akademische Gesellschaft nicht unerhebliche Mittel. Schiess wurde 1876 zum ordentlichen Professor ernannt.
Die Augenklinik ist die älteste der Polikliniken (ambulante Behandlungen) Basels.

Die Entwicklungen an der Mittlere Strasse

1877 erfolgte der Umzug an die geräumigere Mittlere Strasse, wo nun 48 Betten zur Verfügung standen. Das Haus fusste auf architektonischen Vorbildern neuer Augenkliniken in Heidelberg und Freiburg. Eine Oberschwester und eine Verwalterin nahmen ihre Tätigkeit auf, ein Assistenzarzt wurde angestellt. Im Wintersemester 1880/81 waren 26 Stundenten eingeschrieben. Margarethe Merian, die Witwe von Christoph Merian, liess testamentarisch bei ihrem Tod 1886 eine Kapitalschuld von 35'000 Franken streichen, was zu einer grossen finanziellen Entlastung beitrug.
Schiess baute seine Therapien auf physiologischen und pathologischen Kenntnissen auf. Er hatte die Listerschen antiseptischen Prinzipien in der Ophthalmochirurgie nutzbar gemacht. Mitte der 1880er-Jahre verwendete er mit Erfolg als einer der ersten das Oberflächenanästhetikum Kokain. Die damals häufig auftretenden scrophulösen Hornhautentzündungen hatten zur Folge, dass viele Jugendliche behandelt werden mussten. 1890 wurde die Klinik durch eine Kinderabteilung baulich erweitert. Der Bau eines besonderen Poliklinikgebäudes inklusive Hörsaal folgte 1899. Das Augenspital verfügte nun über 78 Betten und 660 Eintritte im Jahr, wobei über 20 Prozent der Augenkranken aus dem nahen Ausland stammten.
Entwicklungen in der Ophthalmologie

1889 erhielt Karl Mellinger (1858-1917), späterer Chefarzt (1897-1917) der Augenklinik, die Venia legendi für Augenheilkunde und wurde Stellvertreter des Chefarztes. Damit wurde die unfruchtbar gewordene Verbindung zur Chirurgie, die vom bisherigen stellvertretenden Chefarzt vertreten war, aufgelöst. Mellinger war wie Schiess auf die praktische Arbeit fokussiert.

Als wissenschaftlich interessant ist die Dissertation von Alfred Vogt (1879-1943 ) "Weitere experimentelle und klinische Untersuchungen über den schädlichen Einfluss von künstlichen Anilinfarben auf das Auge" von 1905 zu nennen. Vogt amtete von 1918 bis 1923 als Chefarzt. Bei seinem Amtsantritt wurde der Staatsbeitrag auf 27'0000 Franken erhöht und das Defizit vom Staat übernommen. Es wurden Kredite für den Ausbau des Operationssaals und für Untersuchungsinstrumente (vor allem die Spaltlampe, eine Einrichtung zur Untersuchung des Augenhintergrundes im rotfreien Licht) gesprochen. Vogts bekannteste wissenschaftliche Arbeit trägt den für ihn typischen Titel "Die Herstellung eines gelb-blauen Lichtinfiltrates, in welchem die Macula centralis in vivo in gelber Färbung erscheint, die Nervenfasern der Netzhaut und andere feine Einzelheiten derselben sichtbar werden und der Grad der Gelbfärbung der Linse ophthalmoskopisch nachweisbar sind" (1913). 1921 erschien sein "Atlas der Spaltlampenmikroskopie", der in vier Sprachen übersetzt wurde. Im selben Jahr gab er die Methode der skelettfreien Röntgenaufnahme des vorderen Augenabschnittes bekannt. Vogt zog die gesamte Lehrtätigkeit an sich.

1922 wurde die Augenheilanstalt dank einem Sonderkredit von 50'000 Franken renoviert. Anschliessend fand ein international besuchter Kurs in der Spaltlampenmikroskopie statt. Trotz grossen Anstrengungen konnte die Regierung den Wechsel von Alfred Vogt nach Zürich nicht verhindern, wo er seinen internationalen Ruf im Bereich der morphologisch-physikalischen Ophthalmologie festigte.

Als Nachfolger wurde ein Jahr später Arthur Brückner (1877-1975 ) aus Jena nach Basel berufen. Als Schüler von Ewald Hering gab sich Brückner stark mit sinnesphysiologischen Problemen ab und sah seine ophthalmologischen Forschungsergebnisse im Zusammenhang der Allgemeinen Medizin. Seit dem Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich auch mit der Wiederherstellungschirurgie am Auge. Zudem gilt Brückner als einer der Begründer der Cytologie des Kammerwassers. Er gab zusammen mit anderen das massgebliche 7-bändige "Kurze Handbuch der Ophthalmologie" heraus und verfasste dafür das Kapitel über die klinischen Untersuchungsmethoden. Aufgrund der Beschäftigung mit der modernen Dioptrik entstand 1921 sein Buch "Grundzüge der Brillenlehre". Da unter seiner Anfangszeit die Frequenz von Klinik und Poliklinik erheblich zurückging, befasste sich Brückner mit der inneren Reorganisation der Klinik, mit der eigenen Forschung und derjenigen seiner Schüler, von denen viele aus dem Ausland anreisten. Mit dem neuen Universitätsgesetz wurde 1937 die Ophthalmologie zum gesetzlichen Lehrstuhl erhoben und im selben Jahr wurde mit einem Kostenaufwand von 317'000 Franken die Poliklinik renoviert, ins Hauptgebäude ein Lift eingebaut und die alte Klinik aufgestockt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg

Friedrich Rintelen (1906-1991) habilitierte unter Brückner und wurde 1948 sein Nachfolger als Leiter der Basler Augenklinik und ordentlicher Professor für Ophthalmologie. Er befasste sich mit dem Um- und Neubau des Spitals nach den Plänen von Architekt Willi Kehlstadt im Umfang von 5 Mio. Franken. Nach dem Tod Kehlstadts 1951 übernahm Martin Burckhardt (Firma Eya und Burckhardt) den weiteren Ausbau. In einem ersten Schritt wurde ein neues Bettenhaus und ein neuer Hörsaal errichtet (1950-1953). 1953 wurde das neue Augenspital mit 120 Betten eingeweiht. In den kommenden Jahren fand - zwischen 1958 und 1961 - der Um- und Neubau der Poliklinik und der Sehschule statt. Auch diese teuren Vorhaben wurden in der Trägerschaft der privaten Stiftung durchgeführt, wobei Subventionen, Hypotheken und der Arbeitsrappen zum Gelingen beitrugen.

Das Verhältnis zwischen Staat und Stiftung war vorgängig (1949) in einem Vertrag mit der Einwohnergemeinde klar festgehalten worden. Der Kanton delegierte zur Kontrolle und Mitarbeit sieben Delegierte in die Stiftungskommission ab, der ausserdem sieben durch Kooptation gewählte private Mitglieder und der Chefarzt angehörten. Zudem wurde zur Unterstützung der Verein der Freunde des Augenspitals gegründet, der sich um den Fürsorgedienst kümmerte.

Zwischen 1947 und 1950 verdoppelte sich die Zahl der Operationen und die Frequenz des Spitals erreichte mit über 1'000 Patientinnen und Patienten einen neuen Höchststand. Die Poliklinik wurde von über 10'000 Kranken in Anspruch genommen, eine Zahl, die sich dann bis 1958 noch mehr als verdreifachte. Damit wies die Augenpoliklinik im Vergleich mit den anderen Polikliniken die grösste Frequenz auf, weshalb auch die Schaffung einer zweiten Oberarztstelle und eines Verwalters notwendig wurde (1951).

In den 1950er Jahren wurden alle grösseren Eingriffe bei Kindern unter Narkose vorgenommen, dies betraf vor allem Schieloperationen. Die Pathologie verbesserte sich (Prof. Dr. F. Roulet) und der Einsatz von Antibiotika verhinderte in vielen Fällen, dass ein infektiöses Auge entfernt werden musste. Die Sehschule wurde eine gut besuchte Institution, sie wies 1955 über 7'800 Konsultationen auf, 1962 bereits 18'000. Die ophthalmologischen Untersuchungen wurden im Laufe der Jahre komplizierter und verlangten neue Apparaturen und Spezialwissen. In Basel wurde 1959 ein Lichtkoagulator angeschafft, der es erlaubte, durch das Auge hindurch unter genauer optischer Kontrolle Netzhautlöcher und Risse zu verschliessen und kleinere Geschwulstbildungen im Augeninnern durch Hitzewirkung zu zerstören. Ein Hauptanliegen von Chefarzt Rintelen war die Pflege und Förderung des Zusammenhangs mit der Gesamtmedizin, vor allem mit der Inneren Medizin und der Neurologie. Sein monumentales Lehrbuch der Augenheilkunde erschien 1960.
Die finanziellen Probleme des Augenspitals als Privatspital wurden 1961 gelindert durch ein Legat des ehemaligen Patienten Lucien Schwickert. Eine Million Franken flossen in die Schwickert-Stiftung ein.

Der Abbau in den 1970er Jahren und erneuter Aufschwung

Friedrich Rintelen wirkte bis 1974 als Leiter der Augenklinik und als Ordentlicher Professor, wobei er 1971/72 auch als Rektor der Universität amtete. Sein Nachfolger wurde Balder Gloor (1932- ), der bis 1981 massive Stelleneinsparungen hinnehmen musste. 22 Stellen wurden gekürzt, was ihn schliesslich mit dazu veranlasste, 1985 einen Ruf nach Zürich anzunehmen. Zwischen 1970 und 1985 entwickelte sich die Augenchirurgie enorm. So stiegen beispielsweise die Lasertherapien zwischen 1983 und 1985 sprunghaft an. Gloor war bekannt für seine Starbehandlung durch intraokulare Linsen. Als weniger ambitiös wurde hingegen der Standort Basel für die Netzhautforschung, die Transplantationschirurgie, die Sehhilfen und die Forschung zum grünen Star (Glaukom) beurteilt.
Unter der Leitung von Chefarzt Josef Flammer (1948- ) entwickelte sich das Augenspital erneut zu einer renommierten Augenklinik und zählt nun zu den weltweit führenden Glaukom-Forschungszentren. Flammer und sein Team entdeckten, dass eine Veranlagung zu Gefässkrampf - eine Regulationsstörung, die sich in einer schlechten Durchblutung des Auges äussert - zu den wesentlichen Glaukom-Ursachen zählt.
 

Zugangs- und Benutzungsbedingungen:

Rechtsstatus:Eigentum des Staatsarchivs Basel-Stadt
Zugangsbestimmungen:Es gelten die allgemeinen Benutzungsbestimmungen des Staatsarchivs Basel-Stadt.
 

Kontrolle:

Erschliessungsgrad:Detailliert
Aufnahmedatum:24.02.2004
Revisionsdatum:24.03.2006
 

Deskriptoren

Einträge:  Augenspital (Personenbegriffe\)
 

Verwandte Verzeichnungseinheiten

Verwandte Verzeichnungseinheiten:siehe auch (1865-):
KG 41-50 Augenspital (Bestand)
 

Benutzung

Schutzfristende:31.12.2029
Erforderliche Bewilligung:Gemäss Archivgesetz BS
Physische Benützbarkeit:uneingeschränkt
Zugänglichkeit:Oeffentlich
 

URL für diese Verz.-Einheit

URL:http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=242630
 
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