PA 889 Archiv der Allgemeinen Armenpflege [ab 1964 Allgemeine Sozialhilfe], 1777-1994 (Fonds)

Archivplan-Kontext

 

Identifikation:

Signatur:PA 889
Titel:Archiv der Allgemeinen Armenpflege [ab 1964 Allgemeine Sozialhilfe]
Entstehungszeitraum:1777 - 1994
Verzeichnungsstufe:Fonds
 

Kontext:

Aktenbildner/Provenienz (Text):Allgemeine Armenpflege
Verwaltungsgeschichte/Biografische Angaben:Mit der Kantonsverfassung von 1889 wurde dem Staat in Basel erstmals die Aufgabe zugewiesen, auch im Armenwesen Mitverantwortung zu übernehmen. Zwar blieb die Armenpflege Sache der Bürgergemeinden und der freiwilligen Tätigkeit Privater, jedoch ausdrücklich "unter Mitwirkung des Staates". Die konkrete Ausgestaltung erfolgte im Armengesetz vom 25. November 1897. Institutionell wurde die bereits bestehende Freiwillige Armenpflege in Allgemeine Armenpflege umbenannt. Damit wurde erstmals die Mitwirkung und die finanzielle Garantie des Staates für die Armenpflege der Niedergelassenen gesetzlich verankert. Bis zu diesem Zeitpunkt fiel die Armenfürsorge ausschliesslich in den Kompetenzbereich der Bürgergemeinde, der Kirchen und der privaten Wohltätigkeit. Zu diesem Zweck existierten in Basel insgesamt etwa 100 Vereine und Institutionen, die sich auf freiwilliger Basis der Armen- und Krankenfürsorge widmeten.

Zur ausschliesslich privaten und kirchlichen Armen- und Krankenfürsorge liegen im Bestand PA 889a die Protokolle der 1784 gegründeten Krankenkommission vor. Gemäss Statuten von 1795 bestritt die Krankenkommission nicht nur die Kosten ärztlicher Behandlung und der Medikamente Bedürftiger, sondern finanzierte auch Spitalpflegen, Badekuren und Prothesen.

Das Jahr 1804 war das Geburtsjahr der organisierten privaten Armenpflege. Die finanziellen Mittel beschaffte sich der Vorstand der Allgemeinen Armenanstalt, das Armenkollegium, durch freiwillige Spenden, Mitgliederbeiträge und namentlich aus Beiträgen der Kirchgemeindekassen (Fisci). Das Armenkollegium führte insbesondere die Aufsicht über die Allgemeine Arbeitsanstalt im Klingental, aber auch über die am gleichen Ort unterhaltene Armenschule. Das Armenkollegium besorgte zentral den Kartoffelankauf, die Beschaffung von Brennmaterial und erliess die Richtlinien, nach denen die Armenhilfe gewährt werden sollte. Um den Zuzug von Bedürftigen nach der Stadt in Grenzen zu halten, wurde eine Karenzfrist festgelegt, vor deren Ablauf nicht unterstützt werden durfte. Sie betrug zuerst fünf, später nur noch zwei Jahre. Das Armenkollegium setzte sich zuerst aus zwölf, später aus zwanzig Mitgliedern zusammen. Es wurde vom Antistes, dem Hauptpfarrer am Münster, präsidiert. Dem Kollegium gehörten neben den ersten Pfarrern an den vier Hauptkirchen - Münster, St. Leonhard, St. Peter und St. Theodor - Personen aus dem Laienstande, Handelsherren, Gelehrte, Gewerbetreibende und Industrielle an. Die ganze Stadt war den Grenzen der Kirchgemeinden entsprechend in sieben Bezirke eingeteilt. Jedem Bezirk stand ein Pfarrherr vor, dem freiwillige Helfer als Armenpfleger zugeteilt waren.
Eine Zäsur bildete die Gründung der Freiwilligen Armenpflege, hervorgegangen aus der Fusion von Krankenkommission und Arbeitsanstalt, im Jahre 1870. Sie wurde als eigentliche Vorgängerin der Allgemeinen Armenpflege rasch zur bedeutendsten Institution der verschiedenen privaten Hilfsorganisationen, bewirkte eine Zentralisierung und grössere Effizienz privater Wohltätigkeit. Die Mitgliedschaft des Vereins stand Bürgern und Einwohnern offen, die sich zur Entrichtung eines regelmassigen Beitrags oder zu anderen Leistungen zur Pflege der Armen verpflichteten. Statutengemäss sollten die Leistungen des Vereins für das Armenwesen freiwillig dargebracht werden, "unter Vermeidung alles dessen, was bei den Unterstützungsbedürftigen zu dem Gedanken einer Berechtigung führen könnte". Freiwillige private Sozialfürsorge, ohne obrigkeitlichen Zwang, vielmehr dem sittlichen Verantwortungsgefühl der Wohlhabenden gegenüber den Bedürftigen
entspringend, war das bürgerliche Ideal altbaslerischer, pietistischer und patriarchalischer Tradition. Die Stadt wurde in 135 kleine Armengebiete aufgeteilt, die entsprechend den Grenzen der Kirchgemeinden in acht Armenbezirke zusammengefasst waren, deren Vorsitz in der Regel der Hauptpfarrer führte. Die praktische Fürsorgearbeit besorgten freiwillige Helfer, die von der Leitenden Kommission gewählt wurden. Die Armenpfleger wohnten im zur Betreuung zugeteilten Armengebiet. Die Bezirkspflege untersuchte, protokollierte, genehmigte oder wies ab - jeder Fall wurde genau untersucht -, da "Liederliche", "Arbeitsscheue" und "Berufsbettler" von jeder Unterstützung ausgeschlossen waren. Als Fachmann und einziger Besoldeter stand der Sekretär der Leitenden Kommission den Bezirksarmenpflegern beratend bei. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die heimatlichen Armenbehörden zu einer Beisteuer an die Unterstützungsaufwendungen heranzuziehen. Die Refundationen erreichten aber lediglich einen sehr geringen Umfang.

Zum Bestand des Privatarchivs PA 889a gehören als Hauptsignatur auch die Akten des Auswanderungs- und Colonisationsvereins Basel, da führende Mitglieder der Freiwilligen Armenpflege diese Organisation ins Leben gerufen hatten, als eine der zeitgemässen und adäquat erscheinenden Massnahmen zur Bekämpfung des überhandnehmenden "Pauperismus".

Unter Mitwirkung und finanzieller Garantie des Staates hatte die Allgemeine Armenpflege Niedergelassene, die durch eigene Krankheit, durch Krankheit des Ernährers, ungenügenden Verdienst oder durch unverschuldete Verdienstlosigkeit in Not geraten waren, zu unterstützen.

Für die armenpflegerische Betreuung der Basler Bürgerinnen und Bürger war das von der Bürgergemeinde betriebene Bürgerliche Fürsorgeamt zuständig (vgl. dazu im Repertorium des Staatsarchivs: Gemeindearchive, Bürgergemeinde Basel D II). Für die Ausrichtung der Hilfe und das Tragen der Unterstützungskosten waren nun die gesetzlichen Vorschriften massgebend. Die staatliche Aufsicht wurde vom Departement des Innern (heute Wirtschaftsund Sozialdepartement) wahrgenommen. Der Regierungsrat delegierte drei staatliche Vertreter in die neunköpfige Leitende Kommission, die aus ihrer Mitte den Präsidenten auf eine Amtsdauer von drei Jahren wählte. Die Leitende Kommission bestellte auch die Kommission der Suppenanstalt und die Kommission der Arbeitsanstalt zum Silberberg. Da die Allgemeine Armenpflege mit der Oberaufsicht über diese beiden alten armenpflegerischen Institutionen - die Suppenanstalt wurde 1802 von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) gegründet -, betraut war, erschienen deren Rechenschaftsberichte seit 1898 jeweils im Jahresbericht der Allgemeinen Armenpflege. Nach dem Kauf der Liegenschaft zum Silberberg im Jahre 1861 wurde die Armenarbeitsanstalt vom Klingental in die neuerworbene Liegenschaft transferiert, wo sie als Armenarbeitsanstalt zum Silberberg bis zum Jahre 1934 weitergeführt wurde.
Als Organe der Allgemeinen Armenpflege fungierten die Armenpfleger für ein bestimmtes Gebiet, die Bezirkspflegen, zu denen sich die Armenpfleger der Quartiere und der Landgemeinden periodisch versammelten und die auf Bericht der einzelnen Armenpfleger und des Sekretariats die Unterstützungen bewilligten. Die Leitende Kommission führte die Aufsicht über die allgemeine Tätigkeit des Sekretariats als Zentralstelle (Inspektor als Vorsteher und mehrere Sekretäre), sie war der Generalversammlung der Mitglieder rechenschaftspflichtig, welche die Statuten festsetzte und die Rechnung guthiess. Jeder Kantonsbürger war
verpflichtet, einmal für eine Amtsdauer von drei Jahren die Wahl als Armenpfleger anzunehmen. Sie wurden auf Antrag der Bezirkspflegen von der Leitenden Kommission gewählt. Auf die Beiträge der kirchlichen Fisci wurde künftig verzichtet. Neben der finanziellen Mithilfe des Staates, der insbesondere die jährlich anfallenden Defizite deckte, folgten noch die regelmässigen Beiträge der Vereinsmitglieder sowie private Gaben und Legate.

Einen weiteren Wendepunkt in der Modernisierung der Armenpflege brachte die Gesetzesrevision von 1911, nach der u.a. auch die zweijährige Karenzfrist wegfiel. Professionalisierung und organisatorischer Ausbau, insbesondere eine mehrmalige Erhöhung des Personalbestandes, leiteten die Revision von 1911 ein. Die Bedeutung der freiwilligen Armenpfleger schwand neben den Berufsarmenpflegern rapide, so dass die alten Bezirksarmenpflegen im Jahre 1917 definitiv aufgehoben wurden. Im gleichen Jahr kaufte die Allgemeine Armenpflege die dem Silberberg benachbarte Liegenschaft Zum Lamm, so dass das lang geplante Altersheim für Niedergelassene endlich Realität wurde. Die Kommission für die Arbeitsanstalt zum Silberberg wurde zusätzlich auch für das Altersasyl zum Lamm zuständig. Eine Erleichterung in der finanziellen Ordnung der Armenfälle brachte das Interkantonale Konkordat über die wohnörtliche Unterstützung von 1923, revidiert 1937, an Stelle der auf dem alten Grundsatz der Fürsorge durch die Heimatgemeinde beruhenden bundesrechtlichen Regelung. Dieses Abkommen ermöglichte zumindest eine zahlenmässige Reduktion der inhumanen Heimschaffungen aus armenrechtlichen Gründen in die Heimatgemeinden. Im Bundesgesetz verankert wurde das Wohnortsprinzip aber erst im Jahre 1977.

Mit dem Gesetz betreffend die Oeffentliche Fürsorge vom 21. April 1960 wurde vorerst die Zweigleisigkeit der öffentlichen Fürsorge aufrechterhalten. Nach wie vor wurden die Niedergelassenen (Schweizer und Ausländer) von der Allgemeinen Armenpflege, die bedürftigen Basler Bürgerinnen und Bürger aber vom Bürgerlichen Fürsorgeamt betreut. Die Umbenennung der Allgemeinen Armenpflege in Allgemeine Sozialhilfe im Jahre 1964 hatte nicht nur kosmetischen Charakter - die aus dem Jahre 1898 stammende Bezeichnung wurde von vielen Benutzern als etwas Entwürdigendes empfunden. Das neue Gesetz brachte auch den Anspruch auf Unterstützung in Not geratener Kantonseinwohner deutlicher zum Ausdruck: Rechtsanspruch anstelle von Gnadenakt. Auf den 1. Januar 1984 fusionierten die beiden Fürsorgeinstitutionen Allgemeine Sozialhilfe und Bürgerliches Fürsorgeamt unter der neuen Bezeichnung Fürsorgeamt der Stadt Basel. Das neugeschaffene Amt ist eine Institution der Bürgergemeinde der Stadt Basel, finanziell unterstützt vom Kanton und beaufsichtigt vom Regierungsrat. Es erfüllt die ihm übertragenen Aufgaben im Auftrag des Kantons Basel-Stadt. Neben der Betreuung aller bedürftigen Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons befasst es sich auch mit der Fürsorge von polizeilich nicht angemeldeten Personen, die sich zum Zeitpunkt ihres Aufenthaltes in Basel in einer Notlage befinden. Neben einer Zunahme der Betreuungsfälle im Bereich der traditionellen Fürsorge bewirkte in den letzten Jahren vor allem die steigende Zahl von Flüchtlingen eine Vermehrung des Personalbestandes.

Der Verein wurde per 1.1.1991 gemäss Beschluss der Mitgliederversammlung aufgelöst.
 

Zugangs- und Benutzungsbedingungen:

Rechtsstatus:Eigentum des Staatsarchivs Basel-Stadt
Zugangsbestimmungen:Es gelten die allgemeinen Benutzungsbestimmungen des Staatsarchivs Basel-Stadt.
 

Sachverwandte Unterlagen:

Verwandte VE nicht in scopeArchiv:Drucksachensammlung des Staatsarchivs DS A 181 Alsmosenamt, bürgerliches Fürsorgeamt, bürgerliches Almosenamt 1929-1948
Veröffentlichungen:75 Jahre Allgemeine Sozialhilfe, vormals Allgemeine Armenpflege. In: 76. Jahresbericht der Allgemeinen Sozialhilfe Basel über das Jahr 1973.

Anna-Katharina Schmid: Die verwaltete Armut. Die Allgemeine Armenpflege in Basel 1898-1911. Unveröffentlichte Oberlehrerarbeit, Basel 1984.
 

Kontrolle:

Erschliessungsgrad:Detailliert
Aufnahmedatum:30.01.2007
Revisionsdatum:01.02.2007
 

Deskriptoren

Einträge:  Allgemeine Sozialhilfe (Personenbegriffe\A)
  Allgemeine Armenpflege (Personenbegriffe\)
 

Verwandte Verzeichnungseinheiten

Verwandte Verzeichnungseinheiten:siehe auch:
ÖR-REG 5 Sozialhilfe der Stadt Basel [bis 1984 Bürgerliches Fürsorgeamt, 1984-2001 Fürsorgeamt der Stadt Basel], 1802-2007 (Fonds)

Nachfolger von:
Armenwesen Armenwesen, 1445-1957 (Bestand)

Nachfolger von:
Kirchenarchiv Kirchenarchiv, 1328-1960 (Bestand)

Nachfolger von:
Straf und Polizei Straf und Polizei, 1339-2007 (Bestand)

siehe auch:
Planarchiv Privatarchiv 889 Archiv der Allgemeinen Armenpflege [ab 1964 Allgemeine Sozialhilfe], 1876-1946 (ca.) (Serie)
 

Benutzung

Schutzfristende:31.12.2024
Erforderliche Bewilligung:Gemäss Archivgesetz BS
Physische Benützbarkeit:uneingeschränkt
Zugänglichkeit:Oeffentlich
 

URL für diese Verz.-Einheit

URL:http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=546169
 
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